Donnerstag, 30. Oktober 2008

Unser Tag

Zu einem wichtigen Bestandteil unseres Aufenthaltes gehoert die Capoeira. Trainieren koennen wir Montag bis Freitag 19.30-21:00, sowie drei Mal die Woche am Morgen von 9:00‑10:30 in einem kleinen Raum, Senzala (auf deutsch Sklavenhuette) genannt. Waehrend wir am Vormittag den Platz der Senzala meist nur zu sechst teilen, ist sie am abend mit 15 bis 25 Trainierenden dicht gefuellt. Viele der ortsansaessigen Capoeiristas trainieren seit dem Kindesalter und bewegen sich in Geschwindigkeiten, die teilweise mit dem Auge kaum zu erfassen sind. Da will man sich aus den Rodas eigentlich lieber raushalten, aber das gestattet hier natuerlich niemand, wobei bei uns bisher immer viel Ruecksicht genommen wurde.

Hier ein Gruppenbild, wir sind aber haeufig mehr Leute

Am Abend haben wir manchmal die Moeglichkeit des Musiktrainings, was wir natuerlich nutzen wollen und uns dazu gleich in der ersten Woche eine Berimbau selbst gebaut haben, unter Anleitung einer der Trainer. Fuer Leser des Blogs, die sich mit der Capoeira nicht so auskennen, die Berimbau ist ein Seiteninstrument, welche, so einfach sie aussieht, einiger Uebung bedarf, sie zu spielen. Mit Hilfe eines Steines oder einer Muenze und eines Stoeckchens werden drei verschiedene Toene erzeugt, die eine Vielfalt von Takten ergeben koennen.


Berimbauherstellung zusammen mit Barbicha


Bateria Regional:1 Berimbau und 2 Pandeiros

Zwischen den Einheiten bleibt dann ein wenig Zeit fuer den Haushalt, wie Waesche waschen, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, da der Luxus einer Waschmaschine nicht vorhanden ist, frische Lebensmittel einkaufen und kochen. Und natuerlich auch relaxen am Strand oder auf dem Balkon, um Energie zu tanken.

Gleich in der ersten Woche haben wir auch mit Englischunterricht fuer einen der Schueler der Academia angefangen, spaeter kam noch eine Schuelerin dazu, die aber Deutsch lernen will.


Cindy und Suzanna beim Deutschunterricht

Vor ein paar Wochen haben wir dann auch das erste Mal Englischunterricht mit den Kids der Capoeira-Gruppe gehabt, was sehr lustig war und wo wir sicher noch viel Kreativitaet walten lassen muessen, um die Kleinen am Ball zu halten.


Englischunterricht im Chaos

Kaum hatten wir die Kamera rausgeholt, waren die Kinder nicht mehr am Platz zu halten, schwerer Fehler, das machen wir nie wieder... .

Am Wochenende war die Batizado/ Troca de Corda der Kinder, d.h. Guertelvergabe war angesagt. 115 Kinder sind dazu angetreten und Holger, als ´alter Schueler´hier, durfte erstmals dazu Kiddis durch die Luft werfen...nein, nein, er war ganz lieb, wie man auf dem Foto sieht.

Samstag, 18. Oktober 2008

Visaverlaengerung

Ob ihr es glaubt oder nicht, wir sind schon seit 11 Wochen unterwegs! Fuer uns stand deswegen die Verlaengerung unserer Visa auf dem Tagesplan. Kurzerhand haben wir alles eingepackt was noetig war:

Reisepaesse, Kontoauszuege, Bestechungsgeld, ...

und sind zur nahe gelegenen Policia Fedral (PF) gefahren, die fuer diese Anliegen zustaendig ist. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass die Muehlen der Buerokratie ueberall gleich mahlen.

Uns wurde gesagt, dass wir zum (1,5 h entfernten) Flughafen muessen, da nur diese PF-Niederlassung sich der Visaverlaengerung annimmt. Welcher Bus dorthin faehrt, erfragen wir am besten an einer grossen Bushaltestelle am Mercado Modelo. Nachdem uns die Busfahrer von 6 Gesellschaften zur jeweils anderen geschickt hatten, fanden wir gluecklicherweise die Richtige!

Am Flughafen angekommen, fanden wir die Station der PF und waren uebergluecklich dort ein Nuemmerchen ziehen zu koennen. Nach langem Erklaeren, das wir Reisen, eine Tatsache, der hier immer mit grossen fragenden Augen und einer gehoerigen Portion Skepsis entgegnet wird, wurden wir hingewiesen, dass es im Internet ein Formular gibt, was dort ausgefuellt, ausgedruckt und mit dem zur Bank gegangen werden muss, um dort das Geld fuer das Visum einzuzahlen. Zu diesem Zeitpunkt war es 15.30 Uhr, die Policia Federal schliesst 16.00 Uhr! NNNNEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNN, wir sind jetzt nicht den langen Weg hierher gefahren, um morgen wieder zu kommen.

Gluecklicherweise wussten wir, dass es einen Internet-Point im Flughafen gibt.

Flotten (Havaianas-) Schrittes sind wir dorthin, alles ausgefuellt und ausgedruckt (und dafuer auch den Flughafenpreis bezahlt) und ab zur Bank! ESTAMOS EM GREVE hiess es als wir vor der Bank standen. Fuer die, die des portugiesischen nicht maechtig sind: WIR SIND IM STREIK!!!

Sch...
...
...lauerweise erinnerten wir uns, dass es auch moeglich ist, bei der Post Geld einzuzahlen. Also dorthin geflitzt!
15.40 und nur 2 Personen vor uns, das sollte doch zu machen sein!

15.55 immernoch 2 Personen vor uns!

Was war geschehen: Eine eifrige und sehr korrekte Postfrau machte die Versandpapiere eines Paeckchens fertig, dauert eigentlich nicht so lange, denkt man. Briefmarke, Adresse, Stempel fertig! Aber in Ihrem Anfall von postalischer Korrektnis betrachtete Sie Ihr Kunstwerk mehrfach von allen Seiten, riss den Adressaufkleber ab um ihn um 0,5 cm zu verschieben, betrachtete Ihr Kunstwerk abermals und stempelte es genuegsam und in bahaianischer Gelassenheit ab.

15.57 Ich war dran, Cindy war schon in der PF-Station, um die Herren zu bezirzen, damit die Tuer nicht geschlossen wurde, bevor ich wieder zurueck war.

16.02 bin ich in der besten je gelaufenen Zeit von der Post des Flughafens zur Policia Federal gespintet und hab den Einzahlungsbeleg vorgelegt.
Noch ein Formular (natuerlich mit den selben Angaben wie zuvor im Netz) ausgefuellt, wie sollte es anders sein und dann noch Minuten auf die Beamte gewartet, die uns den Reisepass mit dem erloesenden neuen Stempel brachte.
GESCHAFFT!!!!! Wir duerfen bis zum 26. Januar in Brasilien bleiben. HURRA!!!

Sonntag, 5. Oktober 2008

Itacaré

Neun Stunden Busfahrt von Salvador befindet sich das nette Oertchen Itacaré, wo wir vor kurzem sechs Tage verbracht haben. Mit von der Partie war Marco, ein Capoeirafreund aus Berlin, der gerade drei Wochen Urlaub in Brasilien machte. Marco, Surffan durch und durch, hatte uns den Ort vorgeschlagen und Holger war natuerlich sofort begeistert, endlich auch mal wieder richtig surfen zu koennen. Mich ueberzeugte die Vorstellung, mal wieder ein paar Tage am Strand abzuchillen.

Marco am Busbahnhof

Itacaré ist ein purer, aber attraktiver Touristenort und waechst gerade immer mehr und mehr an. Restaurants, Souvenir- und Surfshops reihen sich zusammen mit Pousadas (Art Hostel) Haeuschen an Haeuschen aneinander. Eigentlich gibt es nur eine Haupstrasse, wobei jetzt nicht die Vorstellung einer vielbefahreren Verkehrsstrasse aufkommen soll, sie gleicht eher einer Fussgaengerzone. Diese sind wir taeglich auch mehrfach abgelaufen und kannten bald jeden Shop mit seinen Artikeln auswendig.

Hauptstrasse von Itacaré


Im Umkreis von wenigen Kilometern befinden sich vielzaehligeStraende, alle umsaeumt von einem Palmenwald und aneinandergereiht, wie eine Perlenkette. Neun der Straende haben wir besucht, aber ein Blick auf die Karte zeigte, dass das noch nicht alle waren. Der Stadtstrand “Praia de Concha” war wahrscheinlich der am meisten besuchte, um so weiter man sich vom Ort entfernte, um so weniger Menschen traf man am Strand oder auf dem Weg dahin.

Praja de Concha

Ein sehr schoener Weg fuehrte zum “Prainha”-Strand, mitten durch den Urwald und ueber kleine Fluesschen.

Weg nach Prainha

Und da wir bisher noch gar kein Bild der hier vielgesehenen, relativ zutraulichen Macacinhos (Kleinaffen) reingestellt haben, hier ein Bild von ihnen beim Futter holen. Wenn ihr genau hinseht, erkennt ihr, dass eine der Aeffchen ein Junges auf dem Ruecken traegt. Ausgewachsen sind kaum groesser als eine Unterarmlaenge, ihr koennt euch also vorstellen, wie winzig die Kleinen sind.

Macacinho-Fuetterung

Als paradisisch werden die Straende “Itacarezinho, Havaizinho und Engenhoca” bezeichnet und das sind sie wahrhaftig. Nahezu menschenleer, nur der erstgenannte Strand ist bewirtschaftet. Wir sind nach und nach von einem zum naechsten Strand gelaufen und waren von der Natur und dem Ausblick ueberwaeltigt. Man kann nur hoffen, dass die Menschenhand hier nicht weiter eingreifen wird und dieses kleine Paradies erhalten bleibt.

Itacarezinho-Strand

Itacarezinho-Hinterland

Weg durch den Dschungel

Da “Engenhoca” auch ein sehr guter Surfspot ist, waren die Bretter den ganzen Weg lang mit dabei.

Surfboard on Board

Ansonsten sah der Tagesablauf im Allgemeinen so aus, dass die Jungs um 7:00 in der Frueh aufgestanden und aufs Wasser gegangen sind (Holger hatte sich dafuer ein Board ausgeliehen). Danach haben wir einen weiteren Strand zum Rumliegen und Entspannen ausgesucht und dann ging es am Nachmittag nochmal auf die Wellen. Abends sind wir dann durch die Shops gegangen und dann entweder gleich ins Bett gefallen oder noch mit ein paar neuen Bekanntschaften was trinken gegangen.

Bar Favela

Zwei Mal haben wir es auch zum Capoeira geschafft, was aber nicht an unserer Faulheit lag, sondern daran, dass an einem Tag ein Feiertag war, wo der Abendunterricht ausfiel. Den Tag darauf fiel die Abendstunde aus, weil alle noch ihren Rausch ausschliefen und am naechsten Abend hatte die Gruppe mit dem Namen “Filhos de Zumbi” einen Auftritt in einer Bar, was leider keinen Unterrricht fuer uns bedeutete. Unter den Umstaenden ist zwei Mal doch ein guter Schnitt. Das Training war die Ausdauer betreffend relativ anstrengend, aber mit einem guten Basistraining verknuepft. Die Academie, die bisher die groesste war, die wir hier in Brasilien gesehen haben, liess dies auch zu.

Capoeirastunde bei Filhos de Zumbi

Wir koennten hier das Kapitel Itacaré abschliessen, auch wenn es natuerlich weitaus mehr zu berichten gibt, eine kleine Anekdote wollen wir euch dennoch nicht vorenthalten. Entschuldigt bitte das nicht vorhandene Bildmaterial dazu.
Fuer den Rueckweg hatten wir eine andere Art der Reise ausgewaehlt, ein Minibus sollte uns nach Itaparica bringen und von dort fuhr eine Faehre zum Hafen von Salvador. Ist mal was anderes und ist obendrein noch kuerzer, dachten wir uns. Mitternacht ging es los in Itacaré, wir hatten jeder eine Sitzreihe fuer uns, wo wir uns langmachen konnten und trotz des Rumgeruckel sogar recht gut schliefen. Um 4:00 mussten wir schon raus, ein bisschen verwundert, weil die Faehre erst gegen 6:00 fahren sollte. Als wir dann so langsam wach wurden und Marco ein paar verwirrende Gespraeche mit der Reisebegleiterin fuehrte, wurde uns langsam bewusst, dass wir uns gerade auf dem Weg nach “Morro de Sao Paulo” befanden, einer huebschen Insel, wo wir bisher noch nicht waren, gern auch noch hin wollen, nur nicht gerade jetzt. Einige Telefonate der Reisebegleiterin und die abschliessende Frage ihrerseits “Ihr wollt wirklich nach Salvador?” ergaben dann, dass uns ein Auto zu einem weiteren Minibus brachte, welcher im Gegensatz zum ersten bereits rappelvoll war (der Kassierer musste am Ende stehen) und dieser Bus dann nochmal ueber eine Stunde nach Itaparica fuhr, wo wir tatsaechlich puenktlich um 6:00 am Morgen die Faehre nach Salvador nahmen. Ende gut alles gut, wenn auch anders als geplant.